KI-Profilbilder im Schulkontext. Chance oder pädagogische Herausforderung?
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KI-Profilbilder im Schulkontext. Chance oder pädagogische Herausforderung?

KI-Profilbilder im Schulkontext bieten Chancen für Motivation und Identitätsarbeit, werfen aber zugleich zentrale Fragen zu Datenschutz, Ethik und Medienbildung auf. Der Beitrag zeigt, wie Lehrpersonen KI-Tools didaktisch sinnvoll, reflektiert und verantwortungsvoll im Unterricht einsetzen können. Dies mit konkreten Bedingungen und Bezug zum Lehrplan 21.

Am 26.03.2026 veröffentlichte die Schweizer Lernplattform Schabi einen Blogbeitrag zur Einführung einer neuen Funktion, mit der Schülerinnen und Schüler ihre Profilbilder mithilfe von Künstlicher Intelligenz individuell gestalten können. Was auf den ersten Blick wie eine motivierende und zeitgemässe Erweiterung wirkt, wirft bei genauerem Hinsehen zentrale pädagogische, rechtliche und didaktische Fragen auf. Vor allem insbesondere im schulischen Kontext.

Aus meiner Perspektive als Fachverantwortlicher Digitalität an der SEK Utenberg ist diese Neuerung ein gutes Beispiel dafür, wie neue Technologien in die Schule gelangen. Sie bringen Potenzial mit sich, verlangen aber gleichzeitig eine bewusste Einordnung und klare pädagogische Führung.

Einordnung der Funktion

Die Idee hinter der Funktion ist einfach. Lernende können ihr Profilbild nicht mehr nur aus vorgegebenen Avataren auswählen, sondern selbst gestalten, beispielsweise durch KI-generierte Bilder oder bearbeitete Fotos. Damit wird ein Bedürfnis angesprochen, das im digitalen Alltag von Jugendlichen längst etabliert ist. Sie möchten sich darstellen, sichtbar sein und ihre Identität ausdrücken.

Gerade im schulischen Kontext ist dies nicht unproblematisch. Denn ein Profilbild ist nicht nur ein Bild. Es ist Teil der digitalen Identität und wirkt nach aussen. Es beeinflusst, wie andere eine Person wahrnehmen, und kann bewusst oder unbewusst Rollenbilder transportieren.

Pädagogische Chancen

Didaktisch betrachtet bietet die Funktion durchaus wertvolle Ansatzpunkte. Richtig eingesetzt, kann sie ein Türöffner für zentrale Themen der Medienbildung sein.

Schülerinnen und Schüler können sich mit Fragen auseinandersetzen wie:

– Wie möchte ich im digitalen Raum wahrgenommen werden?

– Was sagt ein Bild über mich aus?

– Welche Unterschiede bestehen zwischen realer und inszenierter Darstellung?

– Wie funktioniert ein Prompt und wie beeinflusst er das Ergebnis?

– Welche Verantwortung trage ich bei der Nutzung von KI?

Solche Fragestellungen fördern nicht nur technisches Verständnis, sondern auch Reflexion, Selbstwahrnehmung und Medienkompetenz im Sinne des Lehrplan 21.

Kritische Aspekte

Gleichzeitig zeigt die Neuerung auch klare Grenzen auf. Besonders relevant ist der Umgang mit Bildern realer Personen, insbesondere von Minderjährigen. Die Plattform setzt hier bewusst Einschränkungen, was aus rechtlicher und ethischer Sicht notwendig ist.

Diese Einschränkungen sind nicht einfach technische Limitationen. Sie machen sichtbar, dass digitale Gestaltung immer in einem Spannungsfeld stattfindet. Zwischen Individualisierung und Schutz, zwischen Freiheit und Verantwortung.

Weitere kritische Punkte sind:

– Datenschutz: Was passiert mit hochgeladenen Bildern?

– Urheberrecht: Wem gehören KI-generierte Bilder?

– Plattformlogik: Welche Bilder werden bevorzugt oder verstärkt?

– Altersangemessenheit: Können Schülerinnen und Schüler die Auswirkungen einschätzen?

Wenn diese Fragen im Unterricht nicht thematisiert werden, bleibt der Einsatz oberflächlich und kann sogar problematische Dynamiken verstärken.

Didaktische Bedingungen für den Einsatz

Ein unreflektierter Einsatz im Unterricht ist aus meiner Sicht nicht sinnvoll. Stattdessen braucht es klare Rahmenbedingungen.

Erstens ein klarer Lernanlass.

Die Nutzung der Funktion muss in ein konkretes Lernziel eingebettet sein. Es geht nicht darum, «schöne Bilder» zu erstellen, sondern Kompetenzen zu entwickeln.

Zweitens eine datenschutzsensible Umsetzung.

Idealerweise wird auf reale Fotos von Minderjährigen verzichtet. Alternativen sind gezeichnete Selbstporträts, Symbole oder abstrahierte Darstellungen.

Drittens eine pädagogische Auswertung.

Die entstandenen Bilder müssen gemeinsam reflektiert werden. Welche Wirkung haben sie? Was ist authentisch, was inszeniert? Wie verändert KI die Darstellung von Personen?

Als didaktische Orientierung eignet sich beispielsweise das Dagstuhldreieck, das technologische, gesellschaftliche und anwendungsbezogene Perspektiven verbindet.

Quelle: https://mia.phsz.ch/pub/Dagstuhl/WebPreferences/w02886.png.

Rolle der Schule und der Lehrperson

Die Einführung solcher Funktionen zeigt deutlich, dass Schule heute mehr leisten muss als reine Wissensvermittlung. Sie ist gefordert, Orientierung im digitalen Raum zu geben.

Als Fachverantwortlicher Digitalität sehe ich meine Aufgabe darin, genau diese Brücke zu schlagen. Zwischen technologischer Entwicklung und pädagogischer Verantwortung. Es geht nicht darum, neue Tools unkritisch zu übernehmen oder pauschal abzulehnen. Entscheidend ist, sie sinnvoll einzuordnen und gezielt einzusetzen.

Auch im Rahmen des CAS «Schule in der Digitalität» der PH Luzern wird diese Rolle klar beschrieben. Lehrpersonen und Fachverantwortliche sollen als Kulturträger, Brückenbauer und Mitgestalter wirken.

Didaktische Verankerung

Meine Haltung basiert auf einem grundlegenden Prinzip der Mediendidaktik. Digitale Medien sollen Lernprozesse unterstützen, nicht Selbstzweck sein.

Der aktuelle KI-Kompetenzrahmen der OECD (2025) unterstreicht dies. KI-Kompetenz umfasst nicht nur die Anwendung, sondern auch kritische Bewertung, ethische Reflexion und verantwortungsbewusstes Handeln. Genau diese Dimensionen müssen im Unterricht sichtbar werden.

Weiterführende Informationen dazu: https://zembiblog.ch/oecd-ki.

Fazit

Die Einführung von KI-Profilbildern ist weder ein pädagogischer Durchbruch noch ein Problem an sich. Sie ist ein Prüfstein. Sie zeigt, wie Schule mit neuen Technologien umgeht.

Ich befürworte den Einsatz solcher Funktionen nur dann, wenn sie bewusst gestaltet, didaktisch eingebettet und kritisch reflektiert werden. Genau darin liegt die Chance. Nicht in der Technik selbst, sondern in der Art, wie wir sie pädagogisch nutzen.

Der Umgang mit KI im Schulkontext wird eine der zentralen Aufgaben der kommenden Jahre sein. Entscheidend ist, dass wir nicht reagieren, sondern gestalten.

Zum Schabiblog: https://blog.schabi.ch/2026/03/profilbilder-neu-definiert.